Juan Gris - Gitarre auf einem Tisch (1915)

Ein Meisterwerk des synthetischen Kubismus

Im Jahr 1912 und in den darauffolgenden Jahren entwickelten Picasso und vor allem Juan Gris (1887-1927) den synthetischen Kubismus, bei dem die Betonung nicht mehr auf der Analyse des Gegenstandes und des Sehvorgangs lag. In der Phase des synthetischen Kubismus ging es vielmehr um die betonte Herausarbeitung von Farb-Form-Beziehungen innerhalb von Kompositionen, bei denen aus abstrahierten Grundformen wieder erkennbare Gegenstände entstehen.

In einem 1921 erschienenen Aufsatz legte Juan Gris seine Vorstellungen vom synthetischen Kubismus ausführlich dar:

"Ich arbeite mit den Elementen des Geistes, mit der Einbildungskraft, ich versuche, das Abstrakte konkret zu machen, ich gehe vom Allgemeinen zum Besonderen, d. h. ich gehe von einer Abstraktion aus, um zu einer konkreten Wirklichkeit zu gelangen, meine Kunst ist eine Kunst der Synthese, eine deduktive Kunst. Ich will dazu gelangen, neue Einzeldinge herzustellen, indem ich von allgemeinen Grundformen ausgehe. Meiner Meinung nach ist das Allgemeine die rein bildnerische, die künstlerisch gesetzmäßige, die abstrakte Seite [...], ich will sie vermenschlichen: Cézanne macht aus einer Flasche einen Zylinder, ich gehe von einem Zylinder aus, um ein Einzelding vom Typus Flasche zu machen. Cezanne strebt der Bildarchitektur zu, ich gehe von ihr aus, deshalb komponiere ich mit Abstraktionen (Farben), und indem ich diese Farben ordne, lasse ich sie zu Gegenständen werden." (Hess, S. 60)

In seinen Bildern spielte Gris die Mehrfunktionalität seiner Bildelemente in vielfältiger Form durch, die wechselnden Zugehörigkeiten zu verschiedenen Farbordnungen und Formverwandtschaften.

"Dieses „Umschlagen" von einer Funktion in die andere wird letztlich von der Wahrnehmung des Betrachters vollzogen und sanktioniert: bei ihm liegt die Entscheidung, ob er ein bestimmtes Linien- oder Flächengefüge auf Sachinhalte [z. B. Tisch, Gitarre] beziehen will oder nicht. Das „Stilleben mit Gitarre" (1915) führt das deutlich vor Augen.
Die Kurven, die den Körper des Musikinstrumentes bezeichnen, haben auch eine flächengliedernde Funktion. Das mittlere, „senkrechte" Notenblatt ist Teil eines unregelmäßigen Fünfecks, dessen oberer Teil insofern willkürlich konstruiert ist. als er keinem Gegenstandsumriss folgt, sich dafür aber der schrägen Lage der Gitarre anpasst. Das Notenblatt schlägt in eine übergreifende Gestalt (das Fünfeck) um, für die es keine sachliche Entsprechung, jedoch bildgliedernde Begründungen gibt. Im synthetischen Kubismus wird das Dingliche wieder lesbar, und selbst dort, wo es fragmentiert oder überraschend konfiguriert auftritt, ist es in einer übergreifenden Formordnung mitenthalten.
Der Verlauf der Konturen ist ruhiger und kontinuierlicher als in der analytischen Phase, Rundungen werden wieder zugelassen, die Farbskala hellt sich auf, das harte
cloisonné tritt zurück, die Zersplitterung weicht einem übersichtlich angeordneten transparenten Flächengefüge. Das Ergebnis ist eine alle Bildzonen umfassende „Farbflächenarchitektur" (Gris)." (Hofmann, S. 284)


Juan Gris - Gitarre auf einem Tisch (1915) Öl a. Lw., 73 cm x 92 cm. Kroller-Muller Museum, Niederlande


Umzeichnung der Großformen:
Fast nur gerade Linien prägen die Struktur. Gebogene Linien und ovale Formen sind an den Hauptgegenstand, die Gitarre, gebunden.  
Helligkeitsverteilung:
Die stärksten Hell-Dunkel-Kontraste konzentrieren sich auf das Zentrum des Bildes. Die flächige Verteilung kennt im Grunde nur drei relativ formbezogene Abstufungen, zu denen die akzentuierenden schwarzen Linien und Flächen kommen. 
Farbgebung:
Der ausgesprochene Kalt-Warm-Kontrast bringt das Blau zum Leuchten und schafft zugleich eine farbperspektivische Staffelung, die der Schichtung der Flächen weitgehend entspricht. Das Orange steigert das Braun des Tisches und geht mit dem Blau einen Komplementär-Kontrast ein. 
Farbflächen:
Die klar begrenzten Flächen erscheinen in einer kaum modulierten Lokalfarbe. Lediglich angedeutete Schatten grenzen farbgleiche Flächen voneinander ab. 
Liniengefüge:
Die Nachzeichnung der Linien macht deutlich, dass viele direkt miteinander verbunden sind, ihre Richtung wechseln, über kurze Unterbrechungen weiter geführt werden, sich labyrinthisch zusammenfügen. 
Parallelität:
Das lineare Bildgefüge ordnet sich zu fünf parallelen Linienscharen, die in ihrer überwiegend diagonalen Ausrichtung Dynamik in die Komposition bringen. 
Schnittpunkte:
Fortgeführte Linien schneiden sich in bildwichtigen Punkten. 
Das lineare Gerüst:
Auffallend viele gerade Linien grenzen die Bildmitte als optisches Zentrum ein. 

Entstehung

Der Charakter der Montage legt eine Reihenfolge von unten nach oben fest, die allein durch die lineare Zeichnung verbunden und durchdrungen wird.



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